Sind Sie erleichtert, dass Sie mit Ihrem Ausscheiden bei Hotelplan das schwierige Amt des Umweltbeauftragten abgeben können?
Kaspar Hess: Nein, erleichtert bin ich nicht, weil das Thema weiterhin brandaktuell ist und es noch einiges zu tun gibt. Es wird in der Reisebranche immer noch zuwenig für einen nachhaltigen Tourismus getan. Und ohne mich selber loben zu wollen, denke ich, dass mit meinem Ausscheiden einiges an Erfahrung verloren geht. So gesehen, plagt mich das schlechte Gewissen doch etwas. Andererseits habe ich 15 Jahre für ein Umweltbewusstsein in der Reisebranche gekämpft.
Das Amt war bestimmt nicht immer ein Zuckerschlecken.
Es gab Höhen und Tiefen. Die Materie interessiert mich nach wie vor stark, und
sie bleibt selbstverständlich wichtig im täglichen Geschäft eines Reiseveranstalters. Allerdings stelle ich fest, dass heute sehr viel im Umbruch ist und die Anliegen der Umwelt vermehrt in den Hintergrund gerückt werden.
Welches sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Herausforderungen, vor denen die Reisebranche steht?
Die weltweite Branche ist nach wie vor zu stark produktionsgetrieben. Man weiss zwar, dass die Kunden stärker in den Mittelpunkt gestellt werden müssten, umgesetzt wird das jedoch erst zum Teil. In der Schweiz kommt dazu,
dass wir im Massengeschäft zunehmend unter Preis- und Kostendruck geraten. Letztlich müssen wir uns darauf konzentrieren, wo unsere wirklichen Stärken sind, nämlich auf Qualität und Nischen. Als Schweizer Veranstalter wird unsere Position im Massengeschäft, die nie einfach war, noch schwieriger: Entweder gehen die Veranstalter für dieses Segment Partnerschaften ein oder sie lagern diesen Bereich aus. Hier wird man um klare Unternehmerentscheide nicht herumkommen.
Wie sieht nach 15 Jahren Engagement für die Umwelt im Reisegeschäft Ihre Bilanz aus?
Die ist ehrlicherweise durchzogen. Der Anfang war schwierig. Damals wurden die Reiseleiter noch fast gesteinigt, als sie mit Umweltchecklisten bei den Hoteliers aufkreuzten. Ich wurde von bekannten Touristikern gar nicht empfangen, als sie erfuhren, welche Anliegen ich vertrete. Das Thema
Umwelt interessierte nicht. Es kamen Zeiten, in denen man mit Argumenten
eine gegenseitige Vertrauensbasis schaffen konnte. 1995 vergaben wir die ersten Umwelt-Awards. Das hat uns vorwärts gebracht. Danach war ich eine gewisse Zeit nur noch im Mandatsverhältnis für Hotelplan tätig, konnte aber interessanterweise viel mehr bewegen als vorher. Mein Vorteil war, dass ich einen direkten Draht zum damaligen CEO Schweiz, Walter Güntensperger,
hatte. Wir trafen uns regelmässig und konnten unkompliziert  einiges in die Wege leiten. Nach meiner Rückkehr war ich zwar hauptsächlich als Regionalleiter tätig, erhielt aber für den Umweltbereich mit Christian Brogli
einen engagierten Assistenten. Zusammen riefen wir den «Umweltfranken» ins Leben, was ich noch heute als eine grosse Leistung von Hotelplan bewerte. Damit erhielten wir mit einem Schlag ein grösseres Budget, das uns erlaubte, wichtige Projekte zu lancieren.
Mit mehr Geld ging auch mehr!
Nicht nur. Das zusätzliche Geld half sicher. Mindestens so wichtig war aber, dass Christian Brogli bei Hotelplan Schweiz die notwendige Unterstützung
erhielt. Gleichzeitig konnte ich mich auf internationale Aspekte fokussieren und in der Geschäftsleitung Einfluss nehmen. Zusammen sind wir vorwärts gekommen, unter anderem mit der Einführung des «Code of Conduct», bei dem Hotelplan in der Schweiz eine Pionierrolle einnahm. Weitere Meilensteine waren die Umweltberichte.
In den letzten Jahren ist es allerdings deutlich ruhiger geworden.
Das stimmt – leider. Die schwierigere wirtschaftliche Entwicklung der Branche hat dazu geführt, dass man überall nach Sparpotential suchte. Zurückgeworfen hat uns zudem der Weggang von Christian Brogli. Ich hatte gehofft, dass unsere Arbeit im Unternehmen bereits derart stark verankert ist, dass die Bemühungen trotzdem weitergetragen werden. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es jemanden braucht, der sich stetig engagiert und bisweilen den Mahnfinger hochhält. Man muss mit dem Thema immer wieder präsent sein, und
zwar vor Ort. Ich verstehe, dass man im enormen Veränderungsprozess, in dem wir drinstekken, alles auf den Prüfstand stellt, auch das Umweltengagement. Ob man allerdings gleich derart stark zurückfahren musste, bin ich mir nicht sicher. Wenn man sich überlegt, was Hotelplan
in den letzten Jahren gemacht hat und was im Unternehmensleitbild formuliert ist, dann war der Einschnitt sehr drastisch.
Die ist doch nicht besonders ausgeprägt vorhanden.
Diese Bereitschaft ist dann vorhanden, wenn man den Kunden genau erklärt, weshalb und wofür sie mehr bezahlen sollen. Ein Qualitätsprodukt hat seinen Preis, das muss man dem Kunden entsprechend erklären, sonst sieht er selbstverständlich zuerst den billigen Preis. Ich behaupte nicht, dass wir nur die Umwelt in den Mittelpunkt stellen müssen. Aber es wäre gerade für den Schweizer Markt, der immer mehr von Qualität leben wird, ein wichtiges Element, sich damit nachhaltig zu profilieren. Wir müssen keine neuen Modelle entwickeln. Wir haben alles: Ökobilanzen, Know-how usw. Wir müssen das lediglich aktivieren und die finanziellen und personellen Ressourcen bereitstellen.
Einerseits leben wir alle vom Reisen. Andererseits belastet dieses zwangsläufig die Umwelt. Wie kann man dieses Dilemma auflösen?
Indem wir besser kommunizieren und den Kunden aufzeigen, wie wir einen nachhaltigen Tourismus verstehen. Wir bemühen uns, die unterschiedlichen
Aspekte der Umwelt und der lokalen Gesellschaft in unseren Produkten mitzuberücksichtigen. Genau das soll offen und ehrlich gezeigt werden. Die Kunden müssen besser wissen, was sie erhalten.
Wie beurteilen Sie das Umweltverständnis in der Schweizer Reisebranche?
Die Erkenntnis, dass es sich um ein wichtiges Thema handelt, ist inzwischen
vorhanden. Vor allem grössere, international tätige Unternehmen haben heute
einen Druck, sich aktiv in diesem Bereich zu engagieren und darüber Rechenschaft abzulegen. Die persönliche Überzeugung ist wohl noch nicht überall zu 100 Prozent vorhanden, aber man realisiert, dass man heute in diesem Thema als Unternehmung aktiv werden muss.
Zahlreiche Exponenten der Schweizer Branche äussern sich klar für einen nachhaltigen Tourismus. Trotzdem folgen nur wenige konkrete Taten.
Unsere Branche hat in den letzten 20, 25 Jahren sehr oft aus dem Bauch heraus geschäftet, geleitet war sie primär von Pragmatikern aus der Branche selber. Dass so die konsequente Berücksichtigung von Umweltanliegen nur beschränkt gelang, liegt auf der Hand. Gefordert ist eine langfristig angelegte Planung, die zu einem wichtigen Teil der Geschäftspolitik wird. Seit wenigen Jahren zeichnet sich in der Führung einiger touristischer Unternehmen ein Wandel ab, indem nun vermehrt gelernte Manager mit einem betriebswirtschaftlichen Hintergrund das Zepter übernehmen, die sich nicht mehr in der Branche hochgedient haben. Damit erhält der Gedanke des nachhaltigen Tourismus einen neuen Stellenwert, weil er eben Teil einer modernen Geschäftspolitik ist. Ich bin überzeugt, dass dieser Aspekt auch in der Reisebranche künftig mehr Berücksichtigung erfahren wird.
Heisst das nicht auch, dass der Schweizerische Reisebüro-Verband (SRV) mehr tun müsste?
Klar, ja. Der SRV hat meiner Meinung nach den Nachteil, dass er stark durch die grossen Veranstalter bestimmt ist und entsprechend über wenig Macht verfügt. Der deutsche Verband nutzt seine Möglichkeiten vergleichsweise besser. Ich bin überzeugt, dass der SRV eine gute Plattform sein könnte. In der Fachgruppe arbeiten sehr engagierte Leute mit. Sie hat – unter anderem
mit der Erklärung von Kreta oder der letztes Jahr in Montreux verabschiedeten Neufassung – einige wichtige Impulse gegeben. Nur, umsetzen kann die Fachgruppe nichts. Das müssen die Veranstalter und Reisebüros tun! Und da hapert es halt nach wie vor. Der SRV könnte von sich aus ein Zeichen setzen, indem er beispielsweise eine Teilzeitstelle schafft, die für die Nachhaltigkeit zuständig ist und aktiv die Bemühungen innerhalb der Branche koordiniert.
Diese Stelle wäre auch in der Lage, aktives Lobbying und Networking zu betreiben.
Hotelplan hat mit dem «Umweltfranken» echte Pionierarbeit geleistet. Was habt Ihr damit konkret bewegt, und ist dieser «Umweltfranken» heute immer noch sinnvoll?
Er hat zweifellos viel bewegt. Wir konnten noch nie soviele Projekte umsetzen wie nach der Einführung dieses «Umweltfrankens». Einerseits hat uns dieser
«Franken» Geld für die konkrete Arbeit gebracht, andererseits half er auch bei der internen Sensibilisierung ganz entscheidend. In der aktuell schwierigeren Situation sind diese Projekte etwas in den Hintergrund gerückt, sinnvoll ist der «Umweltfranken» aber nach wie vor. Das Problem ist, dass die Projekte meist
nicht einen unmittelbaren «return on investment » bringen. Und es braucht eine kontinuierliche Begleitung.
Sie haben die Schulung der eigenen Mitarbeitenden als ganz wichtigen Punkt angesprochen. Wie weit ist dieses Denken tatsächlich nachhaltig in der Hotelplan-Gruppe verankert?
Wir konnten unsere Mitarbeitenden gewinnen, indem wir regelmässig über das Thema Nachhaltigkeit informiert haben. Dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass die Leute, insbesondere die jungen, wirklich interessiert sind. Ich habe oft gehört, wie man sich beklagt hat: «Warum weiss ich nicht mehr darüber.» Wenn nun jedoch nicht mehr regelmässig kommuniziert wird, dann nimmt auch die Sensibilisierung automatisch ab – umso mehr, als wir einen regen Personal- und Managmentwechsel haben. Da geht immer viel Wissen verloren.
Ist das Verständnis besser geworden?
Heute ist schlicht allen klar, dass der Umweltaspekt zu einem entscheidenden Faktor geworden ist. In der Umsetzung hapert es aber noch vielerorts.
Das Engagement schliesst nicht nur die Umwelt ein, sondern hat einen viel breiteren Hintergrund. Was sind für die wichtigen weiteren Komponenten,
die ein nachhaltiges Management umfassen muss?

Das ursprüngliche Umweltengagement wurde im Laufe durch gesellschaftliche Aspekte ergänzt. Da geht es um den nun auch in der Reisebranche stärker abgestützten Kinderschutz-Code, aber auch um weitergende soziale Fragen. Dabei müssen wir uns auch einige Fragen stellen: Ist es fair, wenn wir vor Ort die Hoteliers wie eine Zitrone ausdrucken, damit wir einen möglichst günstigen Preis erhalten. Da muss die Qualität zwangsläufig leiden. Aus meiner Sicht sollten wir uns hier stärker vom Fair-Trade-Gedanken leiten lassen. Das Beispiel von Fair Trade in Südafrika zeigt, dass das ganz gut funktioniert. Letztlich geht es um faire Arbeitsbedingungen für die Menschen vor Ort. Wie
kann die lokale Bevölkerung vom Tourismus profitieren? Wir wollen nicht nur von einem Land nehmen, sondern ihm auch etwas zurückgeben. Das erfordert von uns aber betriebswirtschaftlich ein angepasstes Verständnis.

Und es kostet Geld!
Das ist unbestritten so. Nur müssen wir uns fragen, was denn letztlich mehr
bringt. Wenn wir uns gerade als Schweizer auf Qualität fokussieren müssen, können wir längerfristig dank eines Handelns, das auf Fair Trade aufbaut, erfolgreicher sein, als wenn wir den globalen Preiskampf mit allen Konsequenzen mitmachen. In diesem Kampf werden wir längerfristig nie bestehen können, höchstens in einem kleinen, klar limitierten Bereich. Kann der Tourismus beispielsweise bei den Arbeitsbedingungen vor Ort tatsächlich konkret etwas beitragen? Davon bin ich überzeugt. Wir arbeiten mit Partnern zusammen, da haben wir doch Einfluss. Es geht ja nicht um extreme Dinge. Wir sollten einzig versuchen, uns für faire Arbeitsbedingungen einzusetzen. Konkret sind das beispielsweise landesübliche Löhne oder auch, dass unsere Partner nicht Kinder anstellen. Wir können durchaus etwas tun. Wir müssen aber wollen! Das zeigt nicht zuletzt Grossbritannien, das diesbezüglich viel
klarere und härtere Vorschriften kennt. Die Konsumentenorganisationen in England machen deutlich mehr Druck. Und das widerspiegelt sich im Verhalten der Reiseveranstalter.

Wenn heute von Konsumenten ein Engagement für die Umwelt verlangt wird, baut das immer auf Freiwilligkeit auf, beispielsweise beim CO2-Ausgleich. Reicht das?

Nein, ganz klar nicht. Ich bin mit dieser Freiwilligkeit überhaupt nicht zufrieden.
Die CO2-Kompensation zeigt das doch. Sie wird zuwenig genutzt. Aber nicht, weil sie – wie oft behauptet – zu teuer ist, sondern weil man den Kunden zuwenig erklärt, worum es dabei genau geht. Es ist so: Wir müssen den Kunden überzeugend kommunizieren, was die Kompensation bringt. Dazu ist aber notwendig, dass die Kompensationsmöglichkeit bei der Buchung deutlich
ausgewiesen wird und dann der Kunde entscheidet, ob er das voll, halb, zu einem Viertel oder gar nicht bezahlen will. Bei der Reiseversicherung praktizieren wir das bereits so. Wenn sich der Kunde für die Kompensation wehren und selber nachfragen muss, funktioniert das nicht richtig.
Nur, ist der CO2-Ausgleich wirklich die Lösung für alle Probleme?
Nicht wirklich. Aus meiner Sicht werden damit vor allem Auswirkungen bekämpft. Der Vorteil ist immerhin, dass die Kompensation verursachergerecht ist und der Kunde selber entscheiden kann. Zudem trägt die Berichterstattung
über die Kompensation zur Sensibilisierung für das Thema bei. Letztlich wird
damit auch politischer Druck aufgebaut. Die Airlines müssen Maschinen konzipieren, die umweltfreundlicher fliegen. Clevere Anbieter wie beispielsweise Richard Branson nutzen das sofort als Argument und werben für ein Flugzeug, das CO2-neutral fliegen soll. Das mag ein Gag sein, er macht das bestimmt nicht aus Umweltüberzeugung, sondern weil er sich damit profilieren
kann. Letztlich hilft das aber der Sache. Früher oder später wird die CO2-Kompensation direkt ins Produkt integriert sein. Das ist aber noch ein grosser Schritt.
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NACHFOLGE GEREGELT: Per Ende April verlässt Kaspar Hess M-Travel Switzerland. Er prüft derzeit einige Angebote auch aus dem Tourismus und will sich im Sommer entscheiden. Seit Anfang April zeichnet Nicole Stejskal beim Migros-Unternehmen für die Themen Nachhaltigkeit und Fairness im Tourismus verantwortlich. Sie verfügt über einige Erfahrung auf diesem Gebiet. M-Travel Switzerland werde sich auch künftig engagieren, betont Sprecher Peter Schmidli.
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Dieser Beitrag erschien erstmals in ST Schweiz Touristik vom 16. April 2008. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors
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