Welches Buch führt dich auf die intensivste Reise?

Seit ich zwölf bin bevölkern Bücher mein Leben, damals waren es Autoren wie Rilke, James Joyce, Ingeborg Bachmann, die russischen Klassiker oder Proust.

Welches packt dich jetzt gerade?

José Eduardo Agualusa "Eine allgemeine Theorie des Vergessens". Agualusa ist ein preisgekrönter Autor aus Angola, der im Moment in Mosambik lebt. Er war kürzlich in der Schweiz und las aus dem Buch, das hat das Leseerlebnis zusätzlich verstärkt. Er schreibt fantastische, aber auch reale Geschichten. Es ist der jüngste auf Deutsch erschienene Roman. Er handelt von Ludovica, einer Portugiesin, die  mit Schwester und Schwager in der angolanischen Hauptstadt Luanda lebt. Die Schwester und ihr Mann ziehen 1975 wegen der angespannten Situation nach der Unabhängigkeitserklärung zurück nach Portugal, Ludovica oder kurz Ludo bleibt. Am Vorabend der Revolution erschlägt sie in Notwehr einen Einbrecher. Mit den abgebrochenen Steinen baut sie eine Mauer und lebt danach während 30 Jahren eingemauert im 6. Stock eines Hochhauses. Sie isst Vögel und züchtet Gemüse und beobachtet vom Dachbalkon aus, wie sich Luanda verändert. 

Sie kritzelt die Wände voll. Es werden auch Erzählfäden ausserhalb des Wohnhauses aufgegriffen. Etwa vom Strassenkind, das Ludo hilft, die Mauer aufzubrechen. Agualusa erzählt wundervoll, schon nur wie die Figuren schliesslich zusammenkommen – er sprüht von Freude am Erzählen. Ludovicas Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit zurück, aber Agualusa macht aus einer kleinen Geschichte einen ganzen Roman rund um das Vergessen. Dabei ist die Literatur eine ganz eigene Form von Nicht-Vergessen und gleichzeitig von Vergessen durch Verarbeiten. Vielleicht verstehen wir beim Lesen etwas mehr von Angola, von der Kolonialgeschichte.  Wir verbinden dies aber auch mit den eigenen Erfahrungen und verstehen mehr über uns selbst und die Gemeinschaft, in der wir  leben. Dieses Buch kann ich nur lesen, weil es übersetzt worden ist. Ich kenne den Übersetzer, er lässt sich stark auf den Text ein und pflegt eine gute Sprache, weshalb ich ihm völlig vertraue.

Was kostet eigentlich so eine Übersetzung?

Eine Normseite (60 mal 30 Zeichen) wird im Schnitt mit etwa 25 bis 30 Franken vergütet. Damit wird keiner reich. Für viele Verlage sind diese Kosten jedoch eine grosse Hürde. Deshalb ist die spezifische Förderung von Übersetzungen weiterhin angebracht. So haben Texte guter Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa eine Chance auf unserem Markt.

Wie offen ist unser Markt für Bücher aus anderen Kulturkreisen?

Letzthin zeigten sich in einem Gespräch Verleger und Übersetzer enttäuscht darüber, wie wenig sich, insbesondere was die Akzeptanz von Literatur aus Afrika anbelangt, in dreissig Jahren getan habe. Natürlich wurde mittlerweile einiges an Literatur aus Lateinamerika, Asien und Afrika übersetzt. Einiges erreicht das Publikum hier leicht, anderes wird als "etwas gar zu fremd"  empfunden oder die aus Sicht unserer relativ gesicherten Lebenssituation härteren Schicksale "zu traurig" oder "zu brutal".

Dabei vergeben sie sich eine Chance, an der Lebenskraft und der Lebensweisheit teilzuhaben, die den Reichtum vieler dieser Bücher ausmachen.

Letztes Jahr hatten wir zum Beispiel die Übersetzung von Anuk Arudpragasams "Die Geschichte einer kurzen Ehe", die direkt auf dem Schlachtfeld im srilankischen Bürgerkrieg spielt, im Programm des Anderen Literaturklubs. Das Buch hat viele LeserInnen abgeschreckt. Aber eigentlich ist es ein Text voller liebevoller Beziehungen, voll der Schönheiten des Lebens und voller starker Botschaften. Bücher können etwas vermitteln, was Reisen nicht können. Autoren sind Individuen, sie sind spezielle Beobachter und Spiegel ihrer Gesellschaft. Sie sind ein besonderer Innenblick, der sich auch auf wunde Punkte der Gesellschaft richten kann.

Ich habe das Buch in meinen Ferien gelesen und finde es hammerstark. Inmitten einer Situation bar jeglicher Moral leben hier Menschen ihre stark entwickelte Ethik. Das führt mich zur nächsten Frage. Was bedeutet für dich fair unterwegs sein, im Alltag und auf Reisen?

Im Alltag zeigt sich das bei mir darin, dass ich kein Auto fahre, sondern per Öffentlichem Verkehr, Velo oder zu Fuss mobil bin. Ich pendle für meine Arbeit von Zürich nach Bern, was meinen ökologischen Fussabdruck etwas belastet. Dafür versuche ich möglichst wenig zu fliegen. 2018 war ich nicht im Flugzeug, 2017 einmal. Wenn es geht, fahre ich mit dem Zug. Und letztes Jahr bin ich höchstens 100 Kilometer in einem Auto mitgefahren. Im Urlaub ziehe ich mindestens einmal pro Jahr eine Woche lang zu Fuss oder zu Fahrrad los. Das tue ich nicht fürs Gewissen, sondern ich finde es toll, mich langsam zu bewegen. Allerdings oft in der Luxusvariante, bei der das Gepäck an den nächsten Ort transportiert wird. Diese eigenbewegte Fortbewegung ist eine Form des Seins, die ich sehr schätze.

Die Frage treibt mich um, wie ich Ferien machen kann. Ich habe meine Rolle beim Reisen nicht gefunden. Wenn ich unterwegs bin, weiss ich nie, wer ich bin. Die Rolle der Touristin löst bei mir Unbehagen aus. Am liebsten gehe ich an einen Ort, wo ich jemanden kenne oder eine Aufgabe habe. So habe ich in Syrien Bekannte besucht oder in Gambia, zusammen mit meinem Sohn und einer gemischten Truppe eine gambisch-schweizerische Musikgruppe begleitet. Das war sehr intensiv, und man kam sich sehr nahe. Auf der anderen Seite war der letzte Besuch in Venedig ein Horrorerlebnis. Wir sahen die Massen, die sich durch die Gassen schoben, und beschlossen, uns etwas davon wegzubewegen. Doch dann sahen wir Tafeln an den Türen, auf denen stand "respektiere unseren Privatraum!". Wir weichen aus, um nicht in der Masse zu sein und trampeln dabei den Ansässigen ins Gärtchen – und fotografieren das Schild dann vielleicht gar. Es ist eine Form von Machtausübung.    

Die Frage ist, welche Alternativen es gibt. Als mein Sohn noch klein war, fuhren wir oft mit dem "Zugvogel" – einem Carunternehmen, das als Kooperative gegründet wurde, um TeilnehmerInnen an die Demos zu fahren – auf einen als Kooperative geführten Zeltplatz in Sardinien am Meer. Da konnten die Kinder miteinander spielen und die Erwachsenen sich austauschen. Das Frühstück gab es aus dem Küchenzelt, das Abendessen an einem langen Tisch im Zeltplatz-Restaurant. Gute Freundschaften sind dort entstanden. Ich glaube schon, dass die Erfahrungen, die wir beim Reisen machen, wertvoll sein können. Aber gleichzeitig frage ich mich jedes Jahr, welche Form des Reisens für mich noch stimmt. Was löse ich aus, wenn ich irgendwohin fahre, losgelöst von jedem Zusammenhang mit diesem Ort und den Menschen, die dort leben. Vielleicht müsste man weniger reisen. Ich persönlich muss nicht alles gesehen haben. Ich bin glücklich mit meinen Wochen, in denen ich zu Fuss und mit dem Velo nicht so weit weg von hier unterwegs bin.

Auch ohne viele Reisen hast du ja immer den Austausch mit Menschen aus anderen Kulturen gepflegt und so deine Neugier gestillt.

Ich bin über die Arbeit und privat viel mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Ich war zweimal bikulturell verheiratet, und ich pflege auch den Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern, die migriert sind. Wir unterstützen sie nicht finanziell, aber durch Beratung und Begleitung. Ich kann die Menschen in diesen Begegnungen besser kennenlernen als auf Reisen, über eine längere Zeit, mit allen Schwierigkeiten, die es in der Verständigung geben kann. Manchmal werden es Freundschaften. Die Literatur bringe ich dabei überall ins Spiel, zum Beispiel auch in ein Projekt der Caritas, in dem Freiwillige Familien bei Schulfragen begleiten, wo ich seit einigen Jahren mitmache. Ich habe für sie eine Liste mit Belletristik zusammengestellt, die verschiedene Aspekte aus dem Leben in der Herkunftsländern vertrauter machen.  

Auf Fairunterwegs.org bewerben wir auch immer wieder Filme, Bücher und Veranstaltungen, die gleichzeitig eine Auszeit und eine Horizonterweiterung ermöglichen. Wie gefällt dir das Reiseportal?

Ich bin sehr froh, dass es euch gibt. Ihr macht wirklich alles, um Menschen zu einem faireren Reisen hinzuführen. Allerdings bin ich, wie gesagt, etwas am Zweifeln, wie viel das Reisen überhaupt noch Sinn macht, und bin selten auf Fernreisen. Ich beschäftige mich aber immer wieder mit dem Thema. Wenn mir Bekannte stolz erzählen, wie sie sich verhalten haben – etwa wie sie beim nepalesischen Händler beim Verkauf ihrer Wanderschuhe vor der Rückreise gnadenlos um den Preis feilschten – kann ich nur staunen und bekräftigen: Eure Arbeit ist wichtig und sinnvoll.

Empfehlungen:

José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Übersetzung von Michael Kegler. Beck C.H., München 2017, 197 Seiten, CHF 23.90, EUR 19,95, ISBN 978-3-406-71340-8

Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe. Übersetzung von Hannes Meyer. Hanser, Berlin 2017. 224 Seiten, CHF 25.50, EUR 22.00, ISBN 978-3-446-25677-4

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