Welches Buch entführte Sie auf eine ihrer schönsten Reisen?

Als Kritiker des ökonomistischen Weltbildes, mit dem wir heute zu kämpfen haben und das sich nicht zuletzt gerade in dieser weltumspannenden "Finanzkrise" äußert, interessiere ich mich natürlich dafür, weshalb und wie das geistig-kulturelle Umfeld entstanden ist, das Europa heute prägt. Das Buch von Lothar Baier – "Die große Ketzerei" über die Verfolgung und Ausrottung der Katharer in Südfrankreich hat mich auf eine kleine Zeitreise zur Jahrtausendwende geführt – einem Zeitraum, in dem sich für das heutige Kultur- und Herrschaftsverständnis in Europa wesentliche Auseinandersetzungen abspielten. Vordergründig war es die religiöse Auseinandersetzung mit den Katharern, einer sehr gläubigen Gruppe von Menschen, die gemäß dem damals vorherrschenden Apokalypseglauben fürchteten, dass mit der Jahrtausendwende das jüngste Gericht anbrechen würde. Sie kritisierten eine auf Macht, Prunk und Herrschaft konzentrierte Katholische Kirche und propagierten dagegen die "reinen" Gebote um gottesfürchtig zu leben – wozu sie keine Priester brauchten. Die Kirche führte mit Hilfe des französischen Königs – dessen Herrschaftsgebiet damals keineswegs bis zum Mittelmeer reichte – einen jahrzehntelangen blutigen Kreuzzug gegen die Katharer in Südfrankreich. Faktisch verknüpften sich im Katharerkrieg mehrere "abendländische" Interessenslagen: der Kampf gegen das Vordringen der Mauren in Spanien, die Festigung des Papsttums als Begründer der weltlichen absolutistischen Macht der Kaiser und Könige in Europa und natürlich die Ausdehnung des Herrschaftsraums des französischen Königs. All das hat viele Spuren in der Region Languedoc in Südfrankreich hinterlassen, sowohl in der Landschaft als auch in der Kultur der Region.  

Haben Sie die Reise dann auch gemacht?

Ja, ich habe mich 2007 wirklich auf die Spuren der Katharer gemacht, um durch den Besuch von Orten, Ausstellungen und Museen in der Region auch eine bildliche Vorstellung davon zu erhalten, was sich um die Jahrtausendwende abgespielt haben kann. Die Päpste zogen zwar erst später nach Avignon, trotzdem kann man dort die katholische Macht und den christlichen Absolutismus deutlich spüren. Die ausgesetzten Katharer Burgen machen den Widerstand der lokalen Bevölkerung sichtbar: Wenn man in den Dom von Beziers geht, erschaudert man vor dem Blutbad, das die Kreuzzügler dort mit der wahllosen Niedermetzelung sämtlicher Bewohner Beziers anrichteten – egal ob Katharer oder nicht, denn "der Herr wird die Seinen erkennen". Auch die noch heute erhaltene Katharerstadt Carcassonne mit ihren starken Mauern musste letztendlich freiwillig die Fahnen streichen. Aber natürlich konnte ich auch die Kultur der Region genießen – viel Wein, traditionelle Speisen, Musik und Architektur.

Fair unterwegs sein, was bedeutet das für sie?

Da ich beruflich sehr viel reisen muss und auch meine ehrenamtliche Tätigkeit Auslandsreisen erfordert, gehe ich mit meinem privaten Reisekonto sehr sparsam um. Am Reisen interessiert mich das Eintauchen in andere Verhältnisse, die vorbehaltslose Auseinandersetzung mit anderen Menschen und deren Kultur. Das kann man im Prinzip an jedem Ort dieser Welt machen (soweit er nicht schon als Urlaubsort entdeckt und entwickelt wurde) – und ich erlebe das auch in einem kleinen Ort in Österreich, bei einer Radtour auf den Spuren der Bauernkriege in Süddeutschland oder bei meinen Freunden in Senegal. Für diese Art Reisen braucht man Vermittler, Botschafter, die Dich begleiten und behutsam einführen – und das ist einer der Vorteile einer NGO-Bewegung wie der Naturfreunde. Urlaube bei Freunden sind mir die liebsten Urlaube.

Was sagen Sie zum Reiseportal fairunterwegs.org?

Gerade als kritischer Mensch erfährt man bei fairunterwegs.org, welche Fehlentwicklungen es im internationalen Tourismus gibt – ohne dass man dazu selbst hinreisen muss. Das finde ich wertvoll für die politische Willensbildung hier – gerade wenn es darum geht, Fehlentwicklungen bei der sogenannten "Entwicklungshilfe" in Form von Tourismusförderung zu verhindern. Sogenannt, weil die Beispiele meist zeigen, dass die international dafür eingesetzten Milliarden weder "Hilfe" sind noch zu einer positiven "Entwicklung" beitragen. Dafür gehört fairunterwegs.org einfach vor den Vorhang.
Lothar Baier: Die große Ketzerei. Verfolgung und Ausrottung der Katharer durch Kirche und Wissenschaft. Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin 1991, ill. Okart., 204 S., ISBN 978-3-8031-2410-4
*Naturfreunde internationale: Die 1895 gegründete Naturfreundebewegung zählt mit mehr als 500’000 Mitgliedern in 50 Mitglieds- und Partnerorganisationen weltweit zu den größten Nichtregierungsverbänden (NGOs). Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Dazu gehört auch ein sozial- und umweltverantwortliches Reisen. Mehr dazu auf www.nfi.at; Schweizer Sektion: www.naturfreunde.ch