Als erstes Land weltweit hat Frankreich anfangs Mai 2006 den bislang international nicht einheitlich definierten oder geschützten Begriff des Fairen Handels gesetzlich festgeschrieben. Dies mit einem Dekret der Regierung, welches das im August 2005 erlassene Gesetz zur Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen implementiert. Das Regierungsdekret hält fest, dass der Faire Handel Bestandteil der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie sei und benachteiligten ProduzentInnen in Entwicklungsländern zum wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt verhelfe, und definiert die Fairtrade-Kriterien sowohl für die Produktion wie für die notwendigen langfristigen Handelsbeziehungen. Zur Überprüfung dieser Kriterien wird neu eine Kommission eingesetzt, in der acht VertreterInnen aus Behörden, vier aus Fair-Handelsorganisationen, zwei aus Berufsorganisationen, die sich dem Fairen Handel verschrieben haben,
sowie zwei aus Konsumentenschutz und vier aus Hilfswerken nebst zwei nicht weiter qualifizierten «Experten» Einsitz haben. Interessant ist dabei, dass in der neuen nationalen Kommission auch das Tourismusministerium eine Vertretung stellen soll, wo doch der Faire Handel im Tourismus noch in den Kinderschuhen steckt. Multinationale Unternehmen oder Grossverteiler wie Monoprix haben jedoch keinen Sitz, wie KritikerInnen ursprünglich befürchteten. Jedenfalls begrüssen die Labelorganisation Max Havelaar France und die «Plateforme pour le commerce équitable» (PFCE), die 31 Fairtrade-Organisationen aus ganz Frankreich unter ihrem Dach vereinigt, die neu erlassene Fair Handels-Definition wie auch die neu eingesetzte Überwachungskommission. Max Havelaar France zeigt sich vor allem erleichtert, dass Unternehmen aus Produktion und Vertrieb nicht direkt in der neuen Kommission vertreten sind, setzt aber, genau wie PCFE, Fragezeichen zur Wirksamkeit der Überwachungskommission, die künftig den Spreu vom Weizen trennen und Marketingoffensiven von Grossunternehmen abmahnen sollte, die nur auf den Werbeeffekt des Fairen Handels setzen, ohne die notwendigen Kriterien einzuhalten.
Was heisst das nun für die Schweiz, die aufgrund der hohen, europaweit beneideten Marktanteile des Fairen Handels als Pionier für die Einführung von fair gehandelten Produkten gilt? Martin Rohner, Geschäftsführer von Max Havelaar Schweiz, sieht durchaus auch Vorteile in einer Regulierung auf hohem Niveau – vorausgesetzt die internationalen Standards der Fairtrade Labelling Organisations International (FLO), des Dachverbandes der weltweiten Siegelorganisationen zum Fairen Handel, sowie dem internationalen Zusammenschluss der Fair Handelsorganisationen (IFAT) werden respektiert. Dies scheint – entgegen ersten Befürchtungen – bei der französischen Regulierung nun der Fall zu sein. Dennoch bleibt die grosse Frage, wie ProduzentInnen, die ja eigentlich vom Fairen Handel profitieren sollten und bisher etwa bei FLO in einem breit angelegten Multi-Stakeholder-Verfahren über Kriterien und Anforderungen an die ProduzentInnen und HändlerInnen mitbestimmten, künftig bei staatlicher Regulierung wie etwa jetzt in Frankreich weiter einbezogen werden. /plus

Quellen: Présentation de René Dutreil, Ministre des petites et moyennes entreprises (PME), du dispositif officiel de reconnaissance du commerce équitable, Paris 3.5.2006, www.pme.gouv.fr; Stellungnahme der Plateforme pour le commerce équitable, 9.5.2006 sowie von Max Havelaar France, 3.5.2006; eigene Recherchen