Der Titel als These und Postulat zugleich könnte in seiner Einfachheit und Radikalität banal erscheinen. Und leicht breite Zustimmung finden, ist doch heute „Ethik“ in aller Munde. Von Wirtschaftsführern und Politikern gleichermassen auf die Fahne geschrieben als die angesagte Beilage zum Denken und Handeln. Doch der Begriff „Ethik“ hat Sprengkraft, wie die beiden Autoren, der Theologe und emeritierte Professor für Sozialethik Hans Ruh und der Landwirt, Theologe und Ethiker Thomas Gröbly in ihren Ausführungen zeigen.
„Ethik“ geht auf das griechische „ethos“ zurück, das Haus, in dem ich wohne und die Gewohnheiten entwickle, die das Zusammenleben regeln. Dabei ist in der Menschheitsgeschichte einiges an Grundwerten und -normen des Zusammenlebens völlig aus dem Ruder gelaufen, wenn heute der Planet Erde akut durch Umweltzerstörung, Armut und Gewalt bedroht, die Lebensqualität rund um den Globus laufend weiter beeinträchtigt und die Menschheit gar in ihrem Überleben gefährdet wird.
Die Probleme sind, wie die Autoren anhand zahlreicher Fakten und fundierter Analysen schonungslos aufdecken, nicht in erster Linie materieller, sondern geistiger Natur. So könnte Hunger heute technisch und materiell problemlos besiegt, die Armut überwunden werden. Nicht Mangel an Materiellem, sondern fehlende geistige Orientierung verhindern Lösungen. Die Orientierung an Normen, ethischen Grundsätzen wie Ehrfurcht vor dem Leben, Solidarität und Partizipation, sowie an Werten, ethischen Zielsetzungen wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Friede und Nachhaltigkeit, die in den Begriffen „Respekt“ und „Verantwortung“ globale Gültigkeit finden.
Das mag auf Anhieb etwas abgehoben klingen, doch die Autoren führen an konkreten Beispielen aus Umwelt, Wirtschaft, Landwirtschaft oder Arbeit bodenständig auf die Realität zurück, zeigen, wie etwa das heutige Verständnis von Freiheit sich im Sinne von egoistischer, hedonistischer und subjektivistischer Willkür entwickelt hat auf Kosten der ursprünglichen Vorstellung einer freien, selbstbestimmten Wahl von Regeln, die an das Zusammenleben mit anderen Menschen und der Umwelt gebunden waren.
Zu jedem Themenbereich legen sie handfeste Forderungen vor. So auch zu Tourismus und Mobilität, angesichts deren gigantischer Ausmasse und Ausdehnung es – wie sie sagen – gar dem Ethiker die Sprache verschlägt: „Woher bezieht der Mensch die Legitimation, prinzipiell jederzeit jeden Punkt auf dem Planeten zu erreichen?“ fragen sie grundsätzlich eingangs zu ihrem Plädoyer für eine pragmatische Umgestaltung der Mobilität mit verkürzten Distanzen, der Senkung des Tempos und einer entsprechenden Umgestaltung der Wirtschaftsaktivitäten – zum Beispiel auch für kürzere und langsamere touristische Reisen als Chance, effektiv zur Ruhe zu kommen und Sinn zu erfahren.
So nimmt „Ethik“ über diffuse aktuelle Rhetorik hinaus konkrete Gestalt an. Es ist das Verdienst von Hans Ruh und Thomas Gröbly, auf gut verständliche und einleuchtende Weise klar zu machen, wie wir in verschiedensten Lebensbereichen unser Handeln an global gültigen ethischen Normen ausrichten können, um effektiv Lebensqualität und Überleben zu sichern und damit effektiv zukunftsfähig zu werden.
Waldgut Verlag Frauenfeld 2006, 241 Seiten, SFr. 38.-, ISBN 978-3-03740-275-7