Zum dritten Mal in Folge legt der DuMont Buchverlag sein Jahrbuch zur Tourismusforschung vor, das heuer dem Schwerpunktthema "Künstliche Ferien – Leben und Erleben im Freizeitreservat" gewidmet ist. Allein der Titel ist Programm: Es geht nicht um die "künstlichen Erlebniswelten", wie sie in jüngster Zeit so oft geschildert werden, besser gesagt hochgejubelt oder verdammt werden, je nach Standpunkt der Schreibenden. Man werde sich des kleinen Unterschieds gewahr, in "Voyage" geht es um "künstliche Ferien" und um nichts weniger als das "Freizeitreservat". Bei der Lektüre der diversen, teilweise – wie gewohnt in dieser Publikation – sehr wissenschaftlich-intellektuellen Beiträge des Sammelbandes, wird einem eindrücklich vor Augen geführt, wie konstruiert die Welt der Ferien überhaupt ist. Darauf zugeschnitten, dass die Reisenden zu ihrem Erlebnis kommen, das integraler Bestandteil der touristischen Reise ist. Ob und was dies noch mit der "Kultur" der Gastregion zu tun hat, ist Ermessensfrage. Die alte Debatte über die Authentizität ist geführt, die touristische Welt hat ihre jeweils eigene Authentizität geschaffen, sei es die der märchenhaften Disney-World, der unvermutet nachgebauten bayrischen oder holländischen Lebenswelten in Japan oder diejenige des Nationalparks Hohe Tauern. Da mögen kulturbeflissene Reisende und tourismuskritische Fachleute, insbesondere der Sparte Ethnologie, die sogenannte Kulturzerstörung durch den Tourismus noch so beklagen. Kulturpessimistische Beurteilungen sind in der Tat fehl am Platz angesichts der vielseitigen, vielschichtigen neugeschaffenen Welten für Touristinnen und Touristen. Stimmt, und es ist wohltuend, wenn der Kulturbegriff so klar so weit gefasst wird. Bloss, was heisst das für die zahlreichen indigenen Völker und politischen Minderheiten, die heute verstärkt auf Tourismus bauen, weil sie ihre kulturelle Vielfalt, ihre eigene Identität besser zum Ausdruck bringen wollen? Hierzu fehlt mindestens ein Beitrag, der die Debatte des Sammelbandes, in der sich alle Beteiligten in den Grundsätzen weitgehend einig sind, zu einer richtigen, "authentischen" Auseinandersetzung hätte führen können. Positiv hingegen fallen einmal mehr die historischen Beiträge in "Voyage" auf, insbesondere die Beschreibung der Tourismusplanung in Lybien unter italienischer Kolonialherrschaft, der auf spannende Art nachvollziehen lässt, wie ein Land zu einer "Tourismusdestination" umgebaut wird. An neuen, unverhofften Erkenntnissen und Geistesblitzen mangelt der dritte Band der DuMont-Jahrbücher zur Tourismusforschung wahrlich nicht. Umso mehr wünschte man sich das, was gerade so viele Sammelbände eben nicht haben, nämlich eine Schlussfolgerung, ein knackiges Fazit, das wir uns aus der Feder des Redaktionsverantwortlichen des Buches, Professor Dieter Kramer, als ganz besonders aufschlussreich hätten vorstellen können.

DuMont Buchverlag, Köln 1999, 200 Seiten, DM 39,90, ISSN 1433-8009/ISBN 3-7701-4966-1