Jon Andrea Florin
Wer Netto Null ernst nimmt, muss die Physik zur Grundlage der Debatte um die Fliegerei machen. Und die spricht eine klare Sprache: Sustainable Aviation Fuels in Ehren, aber es braucht einen Rückgang des Flugverkehrs - und ein verbindliches Emissionsbudget.
Jon Andrea Florin, Geschäftsleiter fairunterwegs

Mit Sustainable Aviation Fuels zur Netto Null 2050? Weg vom Versprechen – hin zum Emissionsbudget!

Die nachhaltige Zukunft des Flugsektors ist so gut wie gesichert, sagen Airlines und ihre Verbände. Die Branchenstrategie lautet: neue Sustainable Aviation Fuels, neue Antriebe, neue Roadmaps.

Das Positionspapier «CO2-reduced Aiviation Fuels» des Nachhaltigkeitsexperten Markus Nauser von der Fachgruppe Tourismus der Klima-Grosseltern Schweiz hinterfragt die Prognosen und Versprechen der Branche und analysiert die Bedeutung technologischer Optionen und der (internationalen) Politik.

fairunterwegs unterstützt die Recherche und die Aufarbeitung und teilt die Erkenntnisse des Dossiers. Es zeigt, dass es bereits heute dringend Regulatorien zum Wachstum der Branche braucht.

Warum ist der Flugverkehr besonders klimaschädlich?

Der Flugverkehr verursacht weltweit rund 2,5 % der CO₂-Emissionendoch seine tatsächliche Klimawirkung liegt wegen Kondensstreifen und anderer Nicht-CO₂-Effekte bei rund 7 %.

In der Schweiz ist der Anteil noch höher: 11 % (nur CO₂) bzw. 27 % inklusive aller klimawirksamen Effekte.

Warum steigen die Emissionen aus Flugreisen so stark?

Der Flugverkehr wächst seit Jahrzehnten rasant: weltweit um 6 % pro Jahr, in der Schweiz sogar um 8,5 % (1990–2019).

Die Branche erwartet bis 2050 eine 2,5- bis 3-fache Zunahme der Passagierzahlen. Ohne Gegenmassnahmen würden sich die Emissionen dadurch verdoppeln.

Über die Hälfte aller Tourismusemissionen stammen bereits heute aus Flugreisen – und die Transportemissionen im internationalen Tourismus steigen weiter (+45 % bis 2030).

Die Schweiz weist weltweit die höchsten touristischen Pro-Kopf-Emissionen im Ausland auf.

Warum reicht es nicht, nur CO₂ beim Fliegen zu reduzieren?

Die Klimawirkung des Fliegens entsteht nicht nur durch CO₂. Bei anhaltendem Wachstum ist die Wirkung der Nicht-CO₂-Effekte (z. B. Kondensstreifen) rund doppelt so gross wie jene des CO₂ allein.

Das bedeutet:

  • Entweder diese Effekte müssen gezielt reduziert werden, oder
  • es braucht zusätzliche negative Emissionen (NET) – und zwar in etwa doppeltem Umfang, um sowohl die Co2- und die Nicht-CO2-Effekte auszugleichen.
Markus Nauser der Fachgruppe Tourismus der Klima-Grosseltern
SAF allein werden uns nicht retten, wenn es um einen klimakompatiblen Flugverkehr geht. So wie es aktuell läuft, bleibt Fliegen auch 2050 ein klimapolitisches Sorgenkind - versprochen!
Markus Nauser, Nachhaltigekitsexperte von der Fachgruppe Tourismus der Klima-Grosseltern Schweiz

Ja zu SAF – und zu weniger Wachstum!

Branchenziele wie «Netto Null bis 2050» klingen ambitioniert und engagiert, erlauben es aber zugleich, Entscheidungen in die Zukunft zu verschieben. Sie schaffen Spielraum für Hoffnung, für technische Durchbrüche – und für Aufschub.

Ein Emissionsbudget für den Flugsektor zeigt klar, wie viel der Flugverkehr ab heute noch ausstossen darf, wenn die 1,5-Grad-Grenze eingehalten werden soll. Für sich allein bewirkt dieses Budget jedoch noch keine Veränderung.

Erst wenn es mit einem verbindlichen Emissionspfad verknüpft wird – mit klaren Zwischenzielen und einem Mechanismus, der bei Abweichungen automatisch schärfere Massnahmen auslöst – entsteht wirklicher Handlungsdruck.

Ein solches System würde die Branche verpflichten, schon heute wirksame Schritte einzuleiten, statt auf ungewisse technologische Lösungen von morgen zu hoffen.

Dieses Web-Dossier fasst die wichtigsten Erkenntnisse und Wissensstände des Positionspapiers von Markus Nauser zusammen und zeigt, was man heute über SAF und die Klimapolitik im Flugverkehr wissen muss.


SAF-Bericht V1.01 von Markus Nauser, Nachhaltigkeitsexperte der Tourismusfachgruppe der Klima-Grosseltern

Forderungen

Das Positionspapier zu «CO2-reduced Aviation Fuels» zeigt klar: Technische Lösungen allein reichen nicht aus, um den Flugverkehr auf Klimakurs zu bringen.

Damit die Luftfahrt ihren fairen Beitrag zur Begrenzung der Erderhitzung leisten kann, braucht es einen Mix aus politischen Leitplanken, realistischen Prioritäten und ehrlicher Kommunikation.

Die folgenden Forderungen fassen die wichtigsten Schritte zusammen.
Alle detaillierten Begründungen und Massnahmen finden sich im vollständigen Forderungspapier, das wir hier zum Download bereitstellen.

Ein verbindliches Emissionsbudget für den Flugverkehr

Der Flugsektor braucht klare Grenzen: Ein Budget mit Zwischenzielen und einem Mechanismus, der bei Emissions-Abweichungen automatisch schärfere Massnahmen für die Airlines auslöst.

Öffentliche Mittel gezielt einsetzen – Wirkung vor 2040

Staatliche Gelder sollen in Massnahmen fliessen, die jetzt wirken. Zukunftstechnologien wie e-SAF, neue Antriebe und wirksame, überprüfbare Negativemissionstechnologien (NET) soll primär die Branche selbst mitfinanzieren.

Strenge Regeln für alle SAF

Biogene SAF nur bei klar belegbarer Nachhaltigkeit; e-SAF erst fördern, wenn genügend erneuerbare Energie vorhanden ist. Die höheren Kosten sollen Airlines und ihre Kund*innen tragen – nicht die Allgemeinheit.

Sofort wirksame Massnahmen ausschöpfen

Die realen Klimakosten des Fliegens müssen sichtbar werden: CO₂-Preise, Ticketabgaben, Kerosinsteuern, Kondensstreifenvermeidung, Angebotsbegrenzungen – und faire Wettbewerbsbedingungen für Bahn und Bus.

Verantwortung stärken: Branche, Kommunikation & Schweiz

Tourismus darf Fernreisen nicht als Massenprodukt verkaufen. Irreführende Claims («grün», «klimaneutral») müssen gestoppt werden. Und: Die Schweiz soll aufgrund ihrer hohen Pro-Kopf-Emissionen ambitionierter handeln als EU und ICAO.

Inhaltsverzeichnis

Markus Nauser der Fachgruppe Tourismus der Klima-Grosseltern

Nachhaltigkeitsexperte Markus Nauser

Markus Nauser ist Geograf und befasst sich als Leiter der Tourismusgruppe der Klima-Grosseltern mit den Folgen des Tourismus fürs Klima.