
Wie viele Gäste sind zu viele?
Fair unterwegs: Sie beschäftigen sich beruflich mit Overtourism in der Schweiz. Macht es Ihnen da überhaupt noch Spass, Ferien zu machen?
Fabian Weber: Ja, sehr. Ich mache sowohl in der Schweiz als auch im Ausland gerne Ferien. Orte, von denen ich weiss, dass sie an schönen Tagen überlaufen sind, versuche ich allerdings zu meiden. Gleichzeitig gibt es in der Schweiz noch immer sehr viele Orte, die nicht überfüllt sind.
Wie wird Overtourism eigentlich fachlich definiert? Oder ist das letztlich eine subjektive Wahrnehmung?
FW: Overtourism ist kein wissenschaftlicher Begriff. Eine allgemeingültige Definition oder eine bestimmte Schwelle gibt es deswegen nicht. Geprägt wurde er ja vor allem durch die Medienberichterstattung über Proteste von Einheimischen, die sich gegen die Auswirkungen des Tourismus wehrten. Deshalb lässt sich Overtourism auch nicht anhand einer bestimmten Zahl von Besuchern messen. Die Wahrnehmung spielt eine wesentliche Rolle. In der Wissenschaft sprechen wir eher von der Tragfähigkeit eines Systems. Dahinter steht die Vorstellung, dass jedes System nur eine begrenzte Belastung verkraftet. Wird diese Grenze überschritten, kann man im Tourismus von Overtourism sprechen. Das kann verschiedene Dimensionen haben: Verkehrswege oder Unterkünfte können physisch überlastet sein, Ökosysteme so stark belastet werden, dass sie sich nicht mehr regenerieren, oder die Bevölkerung kann die touristische Entwicklung als zunehmend belastend empfinden.
Wie gross ist dieses Problem in der Schweiz?
FW: Overtourism ist selten ein flächendeckendes Phänomen. Er tritt in der Regel zeitlich und geografisch konzentriert auf. Das gilt auch für die Schweiz. Betrachtet man die vorhandenen Kapazitäten, kann man in den meisten Regionen eher von Undertourism sprechen. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Destinationen, die sehr ausgeprägte Besucherspitzen erleben und in denen die Bevölkerung mit der touristischen Entwicklung unzufrieden ist. Wir müssen davon ausgehen, dass solche Situationen künftig häufiger auftreten und sich entsprechend mehr Destinationen mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie sie mit diesen Spitzen umgehen.
Tritt Overtourism eher in Städten oder in ländlichen Tourismusorten auf?
FW: Beides ist möglich. Städte verfügen grundsätzlich über mehr Möglichkeiten, grosse Besucherzahlen zu absorbieren, als Orte, die weniger stark auf Besucher ausgerichtet sind. Aber auch etablierte Schweizer Tourismusorte mit einer langen Tradition wie Gstaad, Zermatt, St. Moritz oder Grindelwald können an ihre Grenzen kommen. In einigen droht die Situation zu kippen, und die Bevölkerung reagiert zunehmend unzufrieden. Overtourism ist deshalb weder ein rein städtisches noch ein rein ländliches Phänomen.
Besonders Orte mit vielen Tagesgästen beklagen sich häufig.
FW: Tagesgäste generieren in der Region häufig deutlich weniger Wertschöpfung als Übernachtungsgäste. Sie bringen möglicherweise sogar ihr eigenes Picknick mit, nutzen aber trotzdem die Infrastruktur und verursachen entsprechende Belastungen. Übernachtungsgäste bleiben länger und generieren dadurch mehr Wertschöpfung, während sich die negativen Auswirkungen stärker über den gesamten Aufenthalt verteilen.
Die Einheimischen tragen die Belastungen, während andere Akteure davon profitieren. Ist das nicht auch eine Frage der Gerechtigkeit?
FW: Das kann man durchaus als Marktversagen betrachten. In der Ökonomie sprechen wir von Externalitäten, wenn negative Auswirkungen einer wirtschaftlichen Aktivität nicht von den Verursachern getragen, sondern der Gesellschaft auferlegt werden. Im Tourismus ist das besonders relevant, weil ein grosser Teil der touristischen Aktivitäten im öffentlichen Raum stattfindet. Tourismustaxen sind ein Instrument, um solche Auswirkungen zumindest teilweise einzupreisen und Einnahmen für entsprechende Massnahmen zu generieren.
Welche Möglichkeiten gibt es, den Tourismus besser zu steuern?
FW: Eine allgemeingültige Lösung gibt es nicht. Zunächst muss man verstehen, worin das konkrete Problem besteht. Handelt es sich um ein Wahrnehmungsproblem? Gibt es einzelne Hotspots? Entsteht die Belastung vor allem durch Verkehr, Abfall oder eine überlastete Infrastruktur? Je nach Ursache kommen unterschiedliche Massnahmen infrage. Kapazitäten können ausgebaut oder besser gemanagt werden. Besucherströme lassen sich zeitlich oder räumlich besser verteilen, etwa indem zusätzliche Angebote geschaffen werden, die Besucher von besonders stark frequentierten Orten wegführen. Eine weitere Möglichkeit ist das Marketing beziehungsweise das Demarketing. Dabei verzichten Destinationen bewusst darauf, bestimmte Besuchergruppen oder Angebote aktiv zu bewerben.
Eine umstrittene Massnahme sind Eintrittsgebühren, wie sie beispielsweise Venedig kennt. Ist das in der Schweiz überhaupt möglich?
FW: Grundsätzlich schon. Entscheidend ist, wofür eine Gebühr erhoben werden soll. In Iseltwald wurde beispielsweise ein Drehkreuz installiert, um den Zugang zu einem Steg zu kontrollieren, der durch eine koreanische Fernsehserie international bekannt geworden war. Die unmittelbare Lenkungswirkung solcher Massnahmen ist meist begrenzt. Sie können einer Gemeinde aber zusätzliche Einnahmen verschaffen, mit denen sich weitere Massnahmen finanzieren lassen.
In Iseltwald betrifft das allerdings nur einen kleinen Bereich. Das Dorf selbst bleibt frei zugänglich.
FW: Ja, das ist richtig. Im öffentlichen Raum ist eine solche Steuerung wesentlich schwieriger. Zunächst müsste man definieren, wo ein Gebiet beginnt und endet und wo eine Zahlungsstelle eingerichtet werden könnte. Hinzu kommt, dass sich Einheimische, Pendler sowie Schweizer und internationale Touristen denselben Raum teilen. Damit stellt sich auch die Frage, für wen eine solche Gebühr überhaupt gelten soll. Für eine ganze Ortschaft sind Eintrittsgebühren deshalb nur schwer umzusetzen.
Besteht bei einer Steuerung über den Preis nicht die Gefahr, dass die Schweiz zu einem Reiseziel wird, das sich Einheimische selbst nicht mehr leisten können und dann ins Ausland fliegen?
FW: Die Schweiz ist bereits heute ein Hochpreisland, und nicht alle können sich Ferien hier leisten. Letztlich ist das auch eine politische Frage: Gibt es ein gesellschaftliches Anrecht darauf, dass Reisen für alle erschwinglich bleibt? Gleichzeitig geht es um die Frage der Externalitäten. Beim Fliegen beispielsweise werden die verursachten externen Kosten häufig nicht vollständig eingepreist. Dadurch ist Fliegen aus ökonomischer Sicht günstiger, als es unter Berücksichtigung sämtlicher Folgekosten wäre. Es besteht deshalb ein Zielkonflikt zwischen dem Wunsch, möglichst vielen Menschen das Reisen zu ermöglichen, und dem Bedürfnis, die negativen Auswirkungen des Tourismus zu begrenzen.
Ist es nicht bereits zu spät für Massnahmen, wenn die Menschen bereits vor Ort sind? Müsste man nicht auch die Tourismusförderung, die immer wieder dieselben Orte bewirbt, stärker in die Verantwortung nehmen?
FW: Die Tourismusförderung spielt sicherlich eine Rolle. Overtourism hat jedoch verschiedene Ursachen. Dazu gehören etwa der weltweit wachsende Wohlstand, der Reisen für immer mehr Menschen ermöglicht, sowie die zunehmende und vergleichsweise günstige Mobilität. Hinzu kommen soziale Medien, die einzelne Orte innerhalb kürzester Zeit weltweit bekannt machen können. Das Marketing ist deshalb nur einer von mehreren Faktoren und wird hinsichtlich seiner Wirkung auch teilweise überschätzt. Es gibt aber durchaus Destinationen wie Amsterdam, die bewusst auf Demarketing setzen und bestimmte Besuchergruppen oder Formen des Tourismus nicht mehr aktiv bewerben. Auch in der Schweiz wird darüber diskutiert. Schweiz Tourismus verfolgt beispielsweise die Strategie, Besucher räumlich besser zu verteilen. Das ist allerdings schwierig. Viele Menschen, die zum ersten Mal in die Schweiz kommen, wollen verständlicherweise die bekannten Highlights des Landes sehen.
Vielen Dank an Fabian Weber für das Gespräch und die spannenden Einblicke. Klar ist: Die eine einfache Lösung gegen Overtourism gibt es nicht. Einfach die Augen zu verschliessen, ist aber auch keine Option. Gefragt sind Destinationen, die hinschauen und neue Wege wagen – damit die Natur, die Lebensqualität der Einheimischen und das Erlebnis der Gäste nicht unter dem Erfolg des Tourismus leiden.







