«Viele Leute hier sind ganz einfach hässig», sagt Eva Leuenberger. Als Pfarrerin von Lauterbrunnen hat sie einen feinen Radar für die Stimmung unter den Einheimischen. «Viele fühlen sich mittlerweile, als befänden sie sich in Ballenberg in einem Freilichtmuseum.» Das Tal sei es sich gewohnt, Touristen willkommen zu heissen, aber die häufigen Grenzüberschreitungen und die Rücksichtslosigkeit stören besonders.

Etwa Touristen, die durch die Gärten der Einheimischen spazieren oder gar in die Stuben kämen, um nach einer Toilette zu fragen. «Da kann man sich schon auch bedroht fühlen», sagt Leuenberger. Manche filmen und fotografieren auf dem Friedhof – sogar während Beerdigungen. Längst hat die Gemeinde den Friedhof eingezäunt und mit einem Fotoverbot belegt. Verschwunden ist das Problem damit allerdings nicht.

Ein weiterer Konfliktpunkt sei die Situation auf den Strassen. An starken Sommertagen wurden innerhalb von nur wenigen Stunden bis zu 4600 Fahrzeuge gezählt, die ins Tal fuhren. Ein Teil der Fahrzeuge hat Lauterbrunnen aber gar nicht zum eigentlichen Ziel: Wer mit dem Auto nach Wengen fährt, lässt dieses im Tal stehen. Ein geplantes Parkhaus bei der Kirche, das einen Teil der Fahrzeuge auffangen soll, erwähnt Leuenberger als mögliche Entlastung für Lauterbrunnen. Im Dorf wiederum würden viele Touristen lieber mitten auf der Strasse gehen als auf dem Trottoir, weil sich dort bessere Bilder machen liessen. «Natürlich braucht ein einzelnes Bild nur ein paar Sekunden», sagt sie. «Aber das summiert sich halt.» Wenn für die Einheimischen eine Fahrt durchs Dorf am Ende 15 Minuten dauert, koste das eben Nerven. Der Gemeinde kann man indes kaum Vorwürfe machen. Die zusätzlichen Gehwege für die Fussgänger, die kürzlich angebracht wurden, werden kaum genutzt.

Lauterbrunnen ist allerdings nicht nur Opfer seines Tourismus. Der Ort profitiert auch in hohem Mass davon. Zur Gemeinde gehören neben Lauterbrunnen auch Wengen, Mürren, Gimmelwald, Stechelberg und Isenfluh. Zusammen leben dort knapp 2800 Menschen. Gleichzeitig wurden 2024 rund 931’000 Logiernächte registriert. Rechnerisch entspricht das mehr als 330 touristischen Übernachtungen pro Einwohner. An Spitzentagen sollen bis zu 25’000 Gäste in der Gemeinde unterwegs sein, doch die meisten davon sind lediglich Tagesgäste.

Hinter diesen Zahlen stehen Hotels und Restaurants, Bergbahnen und Geschäfte, Arbeitsplätze und Einnahmen. Die internationale Bekanntheit des Tals ist wirtschaftlich wertvoll. «Von den Besuchern leben natürlich viele», sagt Fabian Weber, Professor für Tourismus an der Hochschule Luzern.

Genau deshalb sei der Umgang mit dem Andrang aber auch so schwierig. Weniger Besucher bedeuten nicht einfach weniger Probleme, sondern möglicherweise auch weniger Einnahmen. Gleichzeitig kann ein immer stärker wachsender Tourismus die Voraussetzungen beschädigen, von denen er selbst abhängig ist: die Akzeptanz der Bevölkerung, die Qualität des Ortes und letztlich jene Atmosphäre, wegen der die Menschen überhaupt kommen.

Zutrittsbeschränkungen, wie sie im Tal immer wieder gefordert werden, seien nicht nur umstritten, sondern auch rechtlich schwierig umzusetzen, so Weber weiter. Das gelte vor allem, wenn nicht nur einzelne Bereiche, sondern das ganze Dorf betroffen sei. Eine geplante Gebühr für mit dem Auto anreisende Besucher etwa scheiterte, weil die Zufahrt über eine Kantonsstrasse führt. Mehr Potential sieht der Touristiker deswegen im gezielten Demarketing – also darin, bestimmte Zielgruppen oder Besucher zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten nicht mehr aktiv anzusprechen. Ein Ansatz, wie er beispielsweise aus Amsterdam bekannt ist.

Inwieweit das bereits passiert, ist allerdings unklar. Um gezielter reagieren zu können, versucht die Jungfrau Region AG, die wichtigste Marketingorganisation des Ortes, derzeit gemeinsam mit der Universität Bern, die Besucherströme genauer zu verstehen. Verkehrs-, Mobilitäts- und weitere Daten sollen zeigen, wann und wo sich die Menschen bewegen. Gleichzeitig werden auf der Website weiterhin Wasserfälle, Wanderwege, Ausflugsziele und touristische Erlebnisse beworben.

Jungfrau Tourismus hat diese Frage inzwischen zumindest als Teil des eigenen Auftrags erkannt und schreibt im jüngsten Geschäftsbericht, man wolle stärker auf die Akzeptanz der Bevölkerung achten und vermehrt sensibilisieren – sowohl die Gäste hinsichtlich ihres Verhaltens als auch die Einheimischen. Gleichzeitig formuliert die Organisation ihre Rolle künftig noch klarer als «Auftragnehmer der Aktionärinnen und Aktionäre». Was daraus konkret folgt, bleibt offen. Auf wiederholte Anfragen reagierte die Jungfrau Region AG nicht. Auch die Gemeinde Lauterbrunnen wurde um ein Gespräch gebeten und lehnte die Interviewanfrage ab.

Lauterbrunnen steht damit allerdings vor einem Dilemma, das auch viele andere attraktive Reiseziele kennen: Wie lässt sich der wirtschaftliche Erfolg des Tourismus mit dem Anspruch vereinbaren, dass ein Ort auch für seine Bevölkerung lebenswert bleibt? Die Frage ist deshalb nicht nur, wie viele Menschen ein Ort aufnehmen kann. Sie betrifft auch die Entscheidungen, die zu diesem Wachstum führen – und die Bereitschaft, Grenzen zu setzen, wenn wirtschaftliche Interessen mit den Bedürfnissen der Bevölkerung kollidieren. Wie Lauterbrunnen mit diesem Spannungsfeld umgeht, dürfte auch für andere Tourismusdestinationen interessant sein. Denn auch Schweizer Orte wie Iseltwald und internationale Destinationen wie Barcelona stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Wir werden die Entwicklungen im In- und Ausland weiterverfolgen und der Frage nach möglichen Lösungsansätzen nachgehen.