
Wie terranes Reisen Wege aus dem Overtourism zeigt
Was für Mathieu und seine Freundin als Terran-Reise beginnt, wird schnell mehr als nur eine klimafreundliche Alternative. Von Zürich fahren sie mit dem Nachtzug nach Hamburg und weiter nach Kopenhagen. Bereits in den ersten Stunden lernen sie andere Reisende kennen, führen spannende Gespräche und merken: In einem Flugzeug ist man Passagier, in einem Nachtzug wird man Teil einer kleinen Gemeinschaft auf Zeit. In Kopenhagen nutzen sie HomeExchange. Das Prinzip ist einfach: Menschen tauschen ihre Wohnungen, während sie selbst verreist sind. Dadurch entstehen keine zusätzlichen Ferienwohnungen, die dem lokalen Wohnungsmarkt entzogen werden.
Auf der Fähre nach Oslo erfahren sie von anderen Reisenden mehr über die Geschichte Skandinaviens und beobachten gemeinsam Orcas und andere Meeressäuger.
Sieben Tage rund um den Lysefjord
In Stavanger beginnt der Teil der Reise, auf den sich die beiden besonders freuen: Sie wollen den Lysefjord während sieben Tagen umrunden. Die Region ist vor allem für den Preikestolen bekannt, zu dem jedes Jahr rund 400’000 Menschen aufsteigen. Statt direkt zum berühmten Hotspot zu wandern, entscheiden sie sich für die längere Route rund um den Fjord.
Doch schon die Anreise wird zum Abenteuer. Weil an diesem Sonntag kein Bus fährt, versuchen sie ihr Glück per Autostopp. Drei Personen nehmen sie mit. Unterwegs entstehen Gespräche über das Leben in Norwegen und die Menschen vor Ort. Man lernt ein Land selten besser kennen als auf dem Beifahrersitz eines fremden Autos.
Für die siebentägige Wanderung nutzen die beiden das Hüttennetz des norwegischen Wandervereins DNT. Viele davon funktionieren auf Vertrauensbasis. Als Mitglied erhält man Zugang und kann selbstständig übernachten sowie teilweise vorhandene Lebensmittel nutzen und mittels App abrechnen. Für ihre Route war dieses System essenziell, weil es keine Läden oder Restaurants auf dem Weg gibt. Und wenn es draussen unromantisch und regnerisch wird, bieten die Hütten mit Sofas, Büchern und warmen Öfen einen gemütlichen Rückzugsort. Manchmal waren sie die einzigen Gäste.
Erst am Ende des Fjords, wo sich ein Campingplatz befindet, wird es wieder etwas belebter. Fernab vom Alltag werden Menschen oft erstaunlich schnell zu einer Gemeinschaft. Abends teilen sie selbst gefangenen Fisch, andere Reisende steuern frisches Gemüse bei, das sie seit Tagen nicht mehr gesehen hatten. Aus einem einfachen Essen wird ein Höhepunkt der Reise.
Wenn der Hotspot zur anderen Welt wird
Am letzten Wandertag nähern sie sich dem Preikestolen. Zunächst hören sie Stimmen, dann werden es immer mehr. Nach einer Woche fast allein in der Natur kommt ihnen der Ort wie eine andere Welt vor. Drohnen summen über den Köpfen, Selfie-Sticks ragen in die Luft und ein endloser Strom von Menschen kommt ihnen entgegen. Die Ausrüstung reicht von Wanderschuhen bis zu Strandsandalen.
Die Aussicht über den Fjord ist spektakulär und zu Recht weltbekannt. Trotzdem wird hier der Unterschied zwischen Reisen und Tourismus besonders sichtbar. Viele Menschen kommen für wenige Stunden an genau diesen Ort, den sie aus sozialen Medien oder Reiseführern kennen.
Ihre schönsten Erinnerungen sind dagegen oft ungeplant: die Menschen, die sie per Autostopp mitnahmen, die Abende in den Hütten und die Landschaften, die sie stundenlang für sich allein hatten.
Hotspot PREIKESTOLENDie Route ist das Ziel
Nach der Wanderung verbringen Mathieu und seine Freundin einige Tage in Bergen. Dort finden sie eher zufällig ein kleines Fischcamp, das in der Nebensaison Zimmer vermietet. Solche Orte tauchen kaum in Reiseführern auf und wären vermutlich nie Teil einer Pauschalreise.
Für seine letzte Reisewoche zieht Mathieu alleine weiter. Er ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuss und mit dem Zelt unterwegs und beschäftigt sich zunehmend mit dem Lachs, dem er in Norwegen immer wieder begegnet. In Gesprächen mit Einheimischen erfährt er mehr über die Bedeutung des Lachses, aber auch über die Herausforderungen der Fischzucht und ihre Auswirkungen auf Wildbestände. Schliesslich entdeckt er an einem Fluss tatsächlich wilde Lachse – ein besonderer Moment nach all den Gesprächen und Recherchen. Der Lachs stand auf keinem Reiseplan, wurde aber zu einer der unerwarteten Entdeckungen dieser Reise.
Nach mehreren Tagen in der Wildnis erreicht er einen kleinen Bahnhof an der Strecke der berühmten Flåmbahn. Er stellt sein Zelt auf und kocht sich am nächsten Morgen frischen Kaffee neben dem Gleis. Als der Zug einfährt ist der Ort innerhalb weniger Minuten voller Menschen, Kameras und Selfie-Sticks. Kurz darauf ist alles wieder vorbei.
Warum konzentriert sich der Tourismus auf wenige Hotspots, obwohl Norwegen noch so viele andere wunderschöne Orte zu bieten hat?
Terranes Reisen funktioniert oft anders. Nicht weil man bewusst jede bekannte Sehenswürdigkeit meidet, sondern weil der Weg ständig neue Möglichkeiten eröffnet. Wer langsam unterwegs ist, bleibt stehen, wenn ein Ort interessant aussieht, verlängert den Aufenthalt nach einer spannenden Begegnung und entdeckt Plätze, die in keinem Ranking auftauchen.
Vielleicht ist das einer der wirksamsten Wege, dem Overtourism entgegenzuwirken: nicht, indem wir uns krampfhaft von bekannten Orten fernhalten, sondern indem wir dem Weg mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn wer die Route ernst nimmt, entdeckt fast automatisch die vielen Orte dazwischen.
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